Giardien

Früher waren Giardien (nicht zu verwechseln mit Würmern!) in Deutschland kaum bekannt, heute gehören sie leider zum Alltag einer Tierarztpraxis. Durch den immer stärker werdenden Trend, Tiere aus südlichen und östlichen Ländern nach Deutschland zu importieren, hat die Giardiose sich bei uns dramatisch verbreitet. Inzwischen ist sie, nach Würmern, die zweit häufigste parasitäre Infektion. Ganze Tierheim-Bestände an Hunden und Katzen sind mitunter von Giardien befallen.

WAS SIND GIARDIEN?

Die birnenförmigen Giardien gehören unter den Protozoen (Einzellern) zu der Gattung der Flagellaten (Geißeltierchen). Der medizinisch wichtigste Vertreter ist Giardia intestinalis, auch Giardia lamblia genannt.

Die Parasiten nisten sich im Dünndarm von Wirbeltieren ein und ernähren sich vom Darminhalt. Sie schädigen die Darmschleimhaut, indem sie sich mit ihrem an der Bauchseite befindlichen Saugnapf an der Darmwand festhalten. Auch frei zwischen den Darmzotten kommen sie in großer Menge vor.

Die Parasiten durchlaufen in ihrer Entwicklung zwei Stadien: Das eigentliche Wachstumsstadium (vegetatives Stadium) und das Stadium der Zyste (Dauerform). Werden Zysten mit dem Kot ausgeschieden, sind sie in der Außenwelt über einen Zeitraum von mindestens 3 – 4 Wochen infektiös und werden auf verschiedene Weise auf neue Wirte übertragen. Sie haben eine schwer lösliche Hülle, die sie außerhalb des Tierkörpers nahezu unangreifbar macht. Sie überstehen die verschiedensten Umwelteinflüsse nahezu ohne negative Auswirkung. Selbst relativ starke chemische Mittel können ihnen nichts anhaben. In kaltem Wasser (4° C) überleben die infektiösen Zysten ca. 2 – 3 Monate, in feuchten Böden bis zu 7 Wochen. Unter optimalen Bedingungen können sie mehrere Monate lebensfähig bleiben.

ANSTECKUNG:

Die Giardiose ist eine Zoonose, d.h. sie kann sowohl Menschen als auch Tiere befallen. Giardien sind hoch ansteckend, eine Infektion kann schon durch die Aufnahme von nur zehn Zysten ausgelöst werden.

Die Infektion erfolgt auf verschiedenen Wegen, z.B. durch Schmierinfektion, den Kontakt mit dem Kot anderer infizierter Katzen, über Vogelkot, Stubenfliegen und auch über Nager (Wassertränken, Teiche, Vogelhäuschen!!). Auch durch die Aufnahme von kontaminiertem Wasser (z.B. Pfützen) oder nicht einwandfreiem Futter können die Tiere sich mit Giardien infizieren. Kommt ein Mensch mit dem Parasit in Berührung (z.B. durch Streicheln eines infizierten Tieres oder Kontakt mit kontaminiertem Wasser), kann auch eine Übertragung durch kontaminierte Kleidung, Schuhe oder Hände erfolgen.

Aufgrund der verschiedenen Übertragungswege sind auch reine Wohnungskatzen letztendlich vor einer Ansteckung nicht sicher.

Bis vor einigen Jahren bestand die Ansicht, dass neue Ausbrüche der Giardiose ausschließlich auf Reininfektion (also Infektion durch nicht beseitigtes infiziertes Material) zurückzuführen sind. Inzwischen hat man jedoch herausgefunden, dass Giardien sich bei manchen Tieren in die Gallengänge zurückziehen können und dort für Medikamente unerreichbar sind. In Stresssituationen reaktivieren sich diese Dauerstadien rasch und werden wieder ausgeschieden. Die betroffenen Tiere fungieren als Dauerausscheider.
Oft sind die Darmparasiten so hartnäckig, dass sich eine Behandlung der Giardiose über Wochen und Monaten hinzieht und der Hund oder die Katze sich immer wieder reinfizieren bis hin zur chronischen Giardiose.

Teilweise sind epidemieartige Erscheinungen in Tierheimen, bei Züchtern oder Hundeschulen zu beobachten.

SYMPTOME:

Giardien verursachen akuten oder chronischen Durchfall mit teilweise gelblichen, schleimigen Kot, gelegentlich auch mit Blut vermischt.

Die meisten Tiere sind munter und haben einen völlig normalen Appetit, nehmen eventuell aber rapide ab. Einige Tiere leiden möglicherweise aber auch unter Übelkeit, Erbrechen und Fieber.

Besonders betroffen sind Jungtiere, kranke und alte Tiere sowie stressgeplagte Tiere aus dem Ausland. Werden diese Tiere nicht frühzeitig behandelt, können Giardien zur Austrocknung und insbesondere bei jungen und schwachen Tieren im schlimmsten Fall zum Tode führen.

Erwachsene Tiere mit intaktem Immunsystem beherbergen Giardien oft auch ohne erkennbare Krankheitssymptome und können auf diese Weise ihre Umgebung unbemerkt infizieren.

DIAGNOSE:

Kommt ein Hund oder eine Katze mit Diarrhö in die Praxis, dachte man früher nicht gleich an Giardien. Heute jedoch ist die Giardiose so häufig verbreitet, dass sich – sofern die klassische Durchfallbehandlung nicht binnen kurzer Zeit anschlägt – der Verdacht auf Giardien (oder evtl. auch Kokzidien) meistens bestätigt.

Für den Nachweis der Giardien untersucht man Kotproben. Zu beachten ist, dass die Zysten-Ausscheidung erst 2 – 3 Tage nach Diarrhö-Beginn erfolgt und nicht in jeder Kotprobe nachweisbar ist. Für ein sicheres Testergebnis ist es daher unbedingt notwendig, Proben von verschiedenen Tagen (mind. 3 aufeinanderfolgende Tage) und unterschiedlichen Kotausscheidungen zu nehmen.

Viele Tierarztpraxen halten entsprechende Schnelltests vorrätig, aber auch alle tiermedizinischen Labors können den Test durchführen. Ist der Test positiv, ist der Befall von Giardien als sicher anzusehen. Da die Parasiten sich in die Gallengängen und den Blinddarm zurückziehen können, kann eine Reinfizierung durch Zysten auch nach Wochen bis Monaten erfolgen. Der Test muss daher nach ca. 3 – 4 Wochen wiederholt werden und ggf. öfter, bis nach einer intensiven Behandlung ein negatives Ergebnis diagnostiziert wird.

THERAPIE:

Grundsätzlich und für alle Medikamente gilt: Alle Katzen und ggfs. weitere Tiere im Haushalt (z.B. Hunde, Chinchillas, Frettchen) müssen mitbehandelt werden. Die Ansteckungsgefahr bei Giardien darf niemals unterschätzt werden! Und man darf auch nicht vergessen: Giardien gehören zu den Zoonosen und können auch beim Menschen schwere Krankheitsverläufe auslösen. Eine Reinfektion von Mensch zu Tier und von Tier zu Mensch ist leicht möglich.

In Deutschland stehen von schulmedizinischer Seite zwei Medikamente zur Behandlung zur Verfügung. Hierbei handelt es sich entweder um die Wirkstoffe Metronidazol (Tabletten) oder Fenbendazol (Medikament Panacur als Tabletten oder Paste).

Da Panacur weniger Nebenwirkungen zeigt, sollte die Behandlung zuerst mit diesem Mittel erfolgen. Der Inhaltsstoff Fenbendazol hat eine abtötende Wirkung auf die Eier der Parasiten. Außerdem beeinträchtigt er die Aufnahme und den intrazellulären Transport von Nährstoffen und Stoffwechselsubstraten des Parasiten. Als Folge kommt es zum Absterben des Parasiten. Leider ist vielen Tierärzten noch nicht bekannt, dass die laut Packungsbeilage empfohlene Dosis von 50 mg pro kg Körpergewicht bei einem Befall mit Giardien 5 Tage hintereinander verabreicht werden muss. Nach 3 Tagen Behandlungspause muss erneut eine 5-tägige Gabe erfolgen. Also: 5 Tage Gabe, 3 Tage Pause, 5 Tage Gabe. Im Beipackzettel ist nur von einer 3-tägigen Gabe die Rede, dies bezieht sich aber auf eine Wurmbehandlung und nicht auf die Giardienbehandlung!

Leider gibt es Tierärzte, die eine Behandlung von Giardien bei Katzen mit Panacur ablehnen, weil der Beipackzettel nur die Behandlung von Giardiose bei Hunden umfasst. Diese Auffassung ist jedoch unsinnig, bei einer Giardiose bei Katzen ist eine Behandlung mit Panacur erwiesenermaßen möglich und hilfreich!

Metronidazol hat eine abtötende Wirkung auf Erreger, die keinen Sauerstoff zum Leben benötigen (Anaerobier). Der Wirkstoff hemmt den Zellstoffwechsel der Parasiten und verhindert dadurch ihre weitere Vermehrung. Leider ist Metronidazol sehr schwierig zu handhaben, weil die Tabletten fürchterlich schmecken (die Katzen speicheln danach sehr stark) und nicht jeder Besitzer in der Lage ist, 2x täglich die Tabletten zu verabreichen. Auch bei einer Behandlung mit Metronidazol muss die Gabe in einem bestimmten Intervall wiederholt werden. Schlägt die Therapie nicht direkt an, so muss – in Absprache mit dem behandelnden Tierarzt – ggf. die Dosis erhöht werden.

Zur Bestandsbehandlung gibt es eine Einschränkung: Die Behandlung trächtiger Kätzinnen. Die Medikamente können bei Kitten Missbildungen verursachen. Am besten die trächtige Katze separat testen und von den restlichen Katzen trennen.

Giardien greifen die Darmflora der Wirtstiere an, die Verdauung ist gestört. Dazu kommt, dass die genannten Medikamente ebenfalls die Darmflora angreifen. Eine Diät mit faserreicher Nahrung ist dringend anzuraten, kohlenhydratreiches Futter verstärkt die teilweise blutigen Durchfälle. Durch die zusätzliche Gabe von Aufbaumitteln für den Darm (z.B. Bactisel, Darmflora plus, Moorschlamm) kann man versuchen, die Darmflora wieder zu regenerieren.

Auch wenn eine Giardiose durch eine Diät alleine nicht zu beherrschen ist, sollte man während der Behandlung und auch noch lange Zeit danach Diätfutter geben. Die Heilungsphase zieht sich oft monatelang hin. Die Anfälligkeit der Tiere, sich erneut zu infizieren, ist in dieser Zeit hoch. Also bei positiven Tests immer wieder behandeln und zwar alle Tiere des Bestandes, auch die unauffälligen.

Als alternatives Heilmittel wird inzwischen häufig „Kolloidales Silber“ empfohlen, welches einzellige Parasiten wie Bakterien, Viren, Pilze und auch Protozoen in kürzester Zeit abtöten soll. Die winzigen Silbermoleküle dringen in die Parasiten ein und blockieren dort ein für die Sauerstoffgewinnung zuständiges Enzym. Der Stoffwechsel der Parasiten kommt so zum Erliegen, und sie sterben ab. Ob eine Behandlung mit „Kolloidalem Silber“ tatsächlich zum Erfolg führt, kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden. Kolloidales Silber kann im Internet bei verschiedenen Anbietern bestellt werden.

Mittlerweile gibt es in Amerika für Hunde und Katzen einen Impfstoff (Giardia-Vax) gegen die Giardiose, jedoch ist dieser für Deutschland nicht zugelassen.
Achtung, der Hundeimpfstoff ist für Katzen giftig.

HYGIENE:

Für die Gesundung der Patienten spielt die Hygiene eine ganz wichtige Rolle. Die tägliche Reinigung von Schlafstätten, Futternäpfen, Transportboxen, Toilette usw. ist über einen gewissen Zeitraum dringend anzuraten! Insbesondere die Katzentoiletten müssen mehrfach täglich geschrubbt, verschmutzte Streu entsorgt werden.
Hierfür haben sich Dampfstrahler bewährt, da die Giardien erst ab einer Temperatur von ca. 70 °C zerstört werden. Aber Achtung: Der Dampf muss auch tatsächlich die hohe Gradzahl erreichen! Wird die Dampfaustrittsdüse nicht nahe genug an den zu desinfizierenden Gegenstand gehalten, kühlt der Dampf zu schnell ab und hat keinerlei Wirkung auf die Parasiten! Kleinere Teile daher lieber auskochen oder mit kochendem Wasser übergießen, evtl. kommt auch eine Desinfektion im heißesten Programm von Wasch- oder Spülmaschine in Frage. Nach dem Dampfstrahlen oder heißem Nasswischen/Auskochen müssen die gereinigten Stellen mindestens 15 Minuten nachtrocknen, damit die Zysten absterben.

Haushaltsübliche Putz- und Desinfektionsmittel wie z.B. Sagrotan oder Domestos haben keine angreifende Wirkung auf Kokzidien, allenfalls können Flächendesinfektionen (z.B. Endosan Forte, Neopredisan) zum Einsatz kommen.

Auch das Sauberputzen der Analregion nach Kotabsatz mittels Feuchttücher ist zweckmäßig. Das regelmäßige Shampoonieren des Felles, gerade bei langhaarigen Tieren, sollte – falls durchführbar – zu den Hygienemaßnahmen dazugehören.

Zimmerbrunnen als Trinkgelegenheit sollten bei einem Befall mit Giardien nicht zum Einsatz kommen, sinnvoller sind spezielle Wasserfilter mit UV-Licht.